22.04.2014

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Großstadt Freunde
Auf den insgesamt 17 Stücken von „Wir Sind Hier“ brechen die fünf Berliner in die unterschiedlichsten Regionen der Popmusik auf,
von hochfliegend bis unter-die-Haut-gehend, von druckvoll bis einfühlsam ? aber immer auf Deutsch, immer nah, ganz nah am eigenen Leben, an den eigenen Erfahrungen (und Wünschen) angesiedelt. Während ein Song wie "Wolken" ? der Himmel ist überhaupt eine Art Leitmotiv auf dem Album ? noch mehr Druck im Refrain hat, schwingt andernorts immer wieder dieses Gefühl von Freiheit mit, von Freiräumen, die man mit dem richtigen
Menschen an der Seite auskosten will. "Poesie" vertont einen perfekten Tag am Meer, und man will in diesem "Moment der Freiheit" am liebsten gleich mit ihnen die Zeit vergessen, während im Fall von "Morgen" der Hoffnungsschimmer erst dann durchbricht, wenn die großen Fragen ("Wohin führt dieser Weg?") endlich beiseite geschoben sind.
Auf Stücke, deren Refrain sich tatsächlich wie die Sonne durch einen minimalistischen Wolkenteppich durchkämpft (z.B. "Mittendrin") lassen die Großstadt Freunde auch klassische Balladen folgen (z.B. "Glaubst du") und kreieren für "Kriege" sogar eine astreine Lagerfeuer-Atmosphäre, um brennende Fragen zu artikulieren: "Wann hört es auf? So antwortet mir", fragt der zwischen Berlin und London aufgewachsene Khan zur Akustikgitarrenmelodie, die bei ihnen jedoch nicht nur Friedenslieder untermalen, sondern auch schlichtweg für ausgelassene Stimmung sorgen darf: "Lass Los" beispielsweise hat ihn wieder, diesen Feelgood-Faktor, wenn der Refrain alle Sorgen für den Moment vergessen macht. Mit "Winterschlaf" und "Ganz weit weg" präsentieren Jay Khan & Co. kurz vor Schluss noch zwei ihrer ruhigsten und einfühlsamsten Songs, und beide garantieren eine verdiente Auszeit vom Alltag: "Keine Ängste, keine Zweifel, blauer Himmel, klare Sicht/keine Sehnsucht, keine Träume, nur das Wasser und sonst nichts."
Mal nachdenklich stimmend, mal wie ein klanglicher Riegel, um die eigene Gedankenflut zu bremsen, ist "Wir Sind Hier" ein Album, das zeitgenössischen deutschen Pop neu definiert und seine Zuhörer immer wieder in neue Klang- und Gefühlsregionen entführt. "Uns ist klar, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben", sagte Schlagzeuger Jan Trojanowski noch vor rund einem Jahr. Jetzt heißt es: "Wir waren auf dem Weg/und sind angekommen." Allerdings: sind hier.